Stories:


Als ich jung war,

 

so in den 50ern, da gabs ein Gesellschaftsspiel, das hieß: " Erweitern Sie Ihren Wortschatz", das war eine Rubrik in dem Magazin "Das Beste", da standen dann so Fragen drin, wie zum Beispiel etwa:

"Was ist Troja?"

  1. Spitzname für eine betrogene Ehefrau,
  2. Fachbegriff für den Futtertrog für Schweine,
  3. Name einer legendären Stadt.

Und man maßte also den Begriff richtig zuordnen, und dann hatte man seinen Wortschatz erweitert. Ich hab mir dann einen Spaß erlaubt und ein Spiel erfunden, das hieß: "Verringern Sie Ihren Wortschatz", und das ging so: "Finden Sie ein übergeordnetes Verb für die folgenden drei Tätigkeiten: Ich fliege nach London, ich fahre nach Paris, ich gehe ins Bett, und die Antwort war "machen", also, ich mache nach London, ich mache nach Paris und ich mache ins Bett, und wir haben uns halbtotgelacht. 40 Jahre später hat die Bildzeitung die Position des Mediums errungen, das uns hilft, das Alltagsleben trotz Renten-Nullrunde, Steuerreform und Lauschangriffs zu überstehen, Bild erweitert unser Begriffsvermögen und klärt das Volk auf wie sonst niemand.

Zum Beispiel dieser Tage. Da findet sich doch eine Drei-Zeilen-Meldung auf der ersten Seite, "Alkohol verursacht Krebs". Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, aber Bild weiß, das Deutschenherzen lieben, und so bringen die Bildmacher denn zwei Tage später, ebenfalls auf der Titelseite, da, wo sonst Knallmeldungen stehen, wie: "Insektenstich! Erwin Teufel fast erstickt!" einen vier Spalten langen, ausführlichen Bericht, der die zuvor in drei Zeilen veröffentlichte wissenschaftliche Studie - ohne allerdings auf sie Bezug zu nehmen - widerlegt. "Bewiesen: zwei Bier sind gut fürs Herz", heißt die Schlagzeile, und wir aufmerksamen Leser wissen nun gar nicht mehr, wem wir glauben sollen. Aber Hauptsache, Bild gibt uns unsere Meinung.

Die bilden wir uns denn auch in derselben Ausgabe ganz kräftig, wenn wir die Rückseite des Blattes aufschlagen. Dort in der Mitte finden wir zwei bräunliche Fotos. Das eine zeigt den Rockstar Tina Turner am Pool, wie sie einer Freundin einen Kaps auf den Hintern gibt. Darunter steht wörtlich zu lesen: "Gute Laune am Pool. Tina Turner gibt ihrer Freundin einen fröhlichen Klaps auf den Po." Das Bild daneben zeigt Tina Turner, wie sie ein Netztuch um die Hüfte gewickelt im weißen Badeanzug hinter ihrem Freund herläuft, wobei sie aus einer Flasche trinkt. Demzufolge lautet die Bildunterschrift wörtlich: "Große Schritte. Tina Turner hinter ihrem Freund Erwin Bach. Sie trägt ein luftiges Netztuch überm weißen Badeanzug, trinkt aus einer Flasche." Endlich, so jubeln wir Zeitungsleser, klärt uns mal jemand darüber auf, was so alles auf den Fotos passiert, die wir sehen. Womit bewiesen wäre, daß Sehen und Lesen zwei grundverschiedene Tätigkeiten sind.

Den Höhepunkt diesen heißen Sommers aber bot die große Bildzeitungsaktion zur Stabilität deutscher Haushaltsgeräte, Marke West wie Ost. Zunächst war da nur ein als Sensation aufgemachter Bericht, daß die Waschmaschine der Erna K. aus Großumstadt schon seit 21 Jahren läuft und läuft und läuft, und daß sie sich trotzdem noch gut fühlt, und daß sie nicht neidisch ist auf die neuen Modelle. Was möglicherweise als Sommerlochfüller abgetan werden könnte, entpuppte sich als Einstiegsdroge. Hunderte von Bild- Lesern, erfuhren wir tags drauf, erklärten sich solidarisch. Wir müssen uns outen, erklärten sie verzweifelt. Kurzum, sie machten aus ihrer Sucht, Hinz und Kunz und dem nächsten sie sich selbst immer wieder bekennen zu müssen, daß ihre Haushaltsgeräte viel länger als angenommen halten, kein Hehl und bewiesen zudem, daß sie trotz verbreiteter Unkenrufe eidesstattlich versicherter Kommunikationsforscher in der Lage sind, ein Telefongerät zu bedienen, und - wer hätte das gedacht - Briefe zu schreiben.

Jedenfalls war ihr Ansturm auf die örtlichen Bildredaktionen so enorm, daß sich die Bild-Chefredaktion gezwungen sah, der Meinungsfreiheit eine Gasse zu brechen, was im Klartext bedeutet, daß die Nation nun endlich weiß, daß die Kaffeesatzlesemaschine von Waltraud K aus Rheinberg schon seit 20 Jahren funktioniert, was super sei, denn immerhin benutze sie diese dreimal am Tag. Franz-Josef L. aus Heinsberg-Laffeld überbot indes ihren Rekord, denn seine Waschmaschine hält schon seit 29 Jahren dicht. Weil er aber einmal einen Dichtungsschlauch auswechseln mußte, wurde sein Rekordversuch nicht anerkannt. Besser steht da Luise D. aus Hamburg da. Sie zerstampft seit 36 Jahren mit ihrem Zauberstab Kartoffeln und Möhren und konnte nicht mal eine Minute verschnaufen, da keine Reparaturen anfielen.

Indes muß der Lorbeer in diesem Wettbewerb Ursula P aus Quickborn zugestanden werden, da sie seit 40 Jahren auf ein und demselben Herd für fünf Personen kocht, grillt und brät, und das alles gleichzeitig. Der Beispiele waren noch viele, aber wir wollen nicht zur Plaudertasche werden. Einzig, daß es Volker H. aus Mannheim gestattet war, in die Jubelparade ein Körnchen Wermutsalz zu streuen, Muß der Vollständigkeit und Gerechtigkeit halber vermerkt werden. Sein Staubsauger hatte nach nur 19 Monaten Totalschaden, weswegen das Gerät auf dem Prominentenfriedhof zu Paris beigesetzt werden mußte. Natürlich fungierten die Enthüllungen der Anonymen Haushaltsmaschinenbenutzer als Einstiegsdroge. Noch Wochen nach besagten Veröffentlichungen mußte der Redakteur, der sich diese Aktion eingebrockt hatte, in Sütterlinschrift gekritzelte, mehrseitige Schreiben entziffern, in denen minutiös das Schicksal von Volksempfängern nachgezeichnet wurde.

Der Bildzeitungs-Chefredakteur verhinderte jedoch mit einem Machtwort, daß aus der Testaktion eine Volksseuche wurde, indem er die Veröffentlichung von weiteren Bekennerschreiben untersagte. Gegen zwei Briefe konnte aber auch er nichts machen. Sie erschienen als Nachhut in der Sparte "Leser schreiben an Bild", weil sie wirklich dem Faß die Krone ausgeschlagen hatten. Karin W. aus H. durfte so ihren lieben Verwandten, Neffen, Onkeln und Tanten sowie allen, die sie kennen oder nicht kennen kundtun, daß ihre AEG-Schleuder schon 45 Jahre alt ist und noch bestens in Takt.. Und daß, obwohl sie Wäsche für einen 5-Personen-Haushalt hat und 10 Jahre lang Mannschaftstrikots mit ihr schleuderte. Leider verrät Karin W. aus H. uns nicht, wie alt sie ist, welches Waschmittel sie benutzt und ob ihre Jungs denn auch immer schön brav in den geschleuderten Mannschaftstrikots gewonnen haben.

Andererseits ist sie sowieso nicht erste Sahne, denn unmittelbar nach ihren Zeilen verrät uns Elfriede S. aus G., daß ihr Siwamat-K Export WV 34 seit 28 Jahren funktioniert und das Schönste sei, all das ohne Reparatur. Das sind zwar grob gerechnet 17 Jahre weniger als Karin W.´s AEG, aber dafür mußte, offensichtlich, Karin W. 45 Jahr lang auf das Schönste verzichten. Vor so vielen Fakten, Fakten und Fakten verstummt fürwahr auch die abgefeimteste 68er-Prognosen hinsichtlich der Selbstzerstörung des Kapitalismus. Und neiderbleicht, aber der Fairneß halber müssen wir zugestehen, daß Bild mehr Bild macht, denn in Bild ist mehr Bild drin. Oder wie hieß noch mal der Slogan zur Erweiterung unseres Bewußtseins?

 

Hadayatollah Hübsch