Stories:


Junge Christen in Deutschland

Im Fernsehen stöhnt Steffi Graf. Unter mir stöhnt Frau Kubilek.

Sie ist Mitglied der G.U.P.E., der Gesellschaft zur Umerziehung parasitärer Elemente und schaut alle paar Wochen nach dem Rechten.

Obwohl wir einen steten Tauschhandel unserer Körpersäfte pflegen, ist mir ihr Vorname ein ewiges Rätsel. Wir sind über das Sie nie hinausgekommen.

Während sich Frau Kubilek, wie immer christliche Gebete murmelnd, der Fleischeslust ergibt, versuche ich mit dem Fuß die Fernbedienung zu angeln. Steffi liegt bei eigenem Aufschlag 6:2, 4:1 und 40:15 vorne. Die Spannung ist raus; hohe Zeit also den Kanal zu wechseln.

Gerade als ich das glitschige, kleine Gerät soweit herangezogen habe, daß ich es mit der Hand berühren kann, dringt nervenzerfetzender Krach an mein Ohr. Ein Geräusch als ob jemand im 4/8el Takt den abgetrennten Oberschenkel einer Elefantenkuh gegen meine Wohnungstür drischt. Meine Erektion ahnt Böses und verabschiedet sich. Ein Umstand den Frau Kubilek mit heiseren Durchhalteparolen quittiert.

'Machen sie weiter, um Gottes Willen. Lassen sie nicht nach. Der Herr wird es ihnen danken.' Ich will nicht unhöflich erscheinen, sehe mich im Moment aber außerstande dem Willen des Allerhöchsten Folge zu leisten.

Stattdessen lasse ich die Reste meines Steifen aus Frau Kubilek hinausgleiten, steige in meine Beinkleider und sprinte zur Tür, um zu sehen, wer für den Lärm verantwortlich zeichnet.

'Die Pest über dich, du Abgesandter Satans.', ruft mir die zweite Vorsitzende der Gesellschaft zur Umerziehung parasitärer Elemente hinterher. Es ist das erste Mal daß sie die vertrauliche Form der Anrede benutzt.

Ich komme nicht dazu, mich über diesen Gunstbeweis zu freuen. Ich habe mittlerweile die Schleuse zu meinem Heim geöffnet und sehe mich einem Anblick ausgesetzt, der für meine unterzuckerten Gehirnstränge nur schwer zu verarbeiten ist. Vor mir steht ein aus den Fugen geratener Hüne mit einer Kappe auf dem Kopf, wie sie normalerweise von orthodoxen Priestern verwendet wird. Das Gesicht liegt zur Hälfte hinter einer Schweißerbrille verborgen. Den Schmerbauch bedeckt ein ausgewaschenes gelbes T-Shirt mit der kryptischen Aufschrift: 'Lecker Kacke an der Backe'. Komplettiert wird diese gediegene Montur durch eine mit roten Herzen bedruckte Radlerhose und Schlangenlederstiefel.

Ich brauche einen Moment um mich von diesem Farbangriff zu erholen. Dann dämmert es mir. Vor mir steht niemand anders als Rocko Fuhrmann. Ein Irrer, den ich unlängst im SEUCHENSTÄBCHEN kennengelernt habe. Offensichtlich habe ich mich im Vollrausch dazu hinreißen lassen, ihm meine Adresse auszuhändigen.

Rockos Begrüßung deutet daraufhin, daß mir der Schrecken den diese Nachlässigkeit bei mir hervorruft deutlich ins Gesicht geschrieben steht.

'Na, schlechten Trip gefrühstückt, Alter?!', sagt er. Dann drängt er sich an mir vorbei in die Wohnlandschaft, wo Frau Kubilek gerade dabei ist, sich die hochgeschlossene Bluse zuzuknöpfen. 'Tach Mutti. Alles fit im Schritt?', krakeelt der ungeladene Gast. Dann widmet er sich wieder meiner Person.

'Komm mach hin, Alter. Hab unten zwei Puppen und 'ne Droschke warten. Wir fahr'n nach IKEA hin.' Frau Kubilek hat ihre Garderobe unterdessen gerichtet und macht Anstalten sich zu verabschieden. 'Das gibt einen geharnischten Bericht. Da können sie sich drauf verlassen.'

'Aber Frau Kubilek, im Namen Christi...', stammle ich noch; da ist sie schon davongerauscht.

'Super die Braut.', sagt Rocko und läßt mir ein anerkennendes Grinsen zukommen. Ich weiß nicht, welcher Stoffwechselprozeß in meinem Gehirn plötzlich aussetzt. Ich verspüre mit einem Mal eine große Unlust mich weiterhin in meinen eigenen vier Wänden aufzuhalten und angetrieben von diesem, offensichtlich auf eine beginnende Psychose zurückzuführenden, Wunsch, entschließe ich mich, Rocko Fuhrmanns Ansinnen Folge zu leisten.

'Ok, ich komme mit.', sage ich und greife mir meine Jacke.
'Akkurat.', sagt Rocko.

Unten vor dem Haus steht tatsächlich ein Taxi. Rocko besteigt den Beifahrersitz. Ich dränge mich zu den angekündigten Bräuten auf die Rückbank.

'Zum Ikea!', befiehlt meine jüngste Kneipenbekanntschaft.
Ich nutze die Fahrt mich mit seinen beiden Begleiterinnen bekanntzumachen.
'Tach, ich bin Ingrid. Ich mach in Typberatung.' sagt die, deren ingwerfarbene Beton-Dauerwelle mir die Sicht auf den Fahrer versperrt.
'Oh. Ein durchaus respektierliches Gewerbe.', sage ich, während ich auf meiner hirneigenen Leinwand noch einmal Rockos Outfit entstehen lasse.

'Und ich bin Iris.', quietscht die Nachbarin der Dauergewellten.
Von ihr bekomme ich nur die Nasenspitze ins Bild.
'Ingrid und Iris. Zwei große und zwei kleine i. Putzig nich'?'
'Aber geradezu kolossal.'

Mit einem Schlag kehrt mein Bewußtsein zurück. Jesus, warum bin ich bloß mitgekommen? Was hat mich um Himmels Willen bewogen, mich diesen Vollblutdegenerierten anzuschließen?
Als hätte ich diese Fragen laut gestellt, erhalte ich eine umgehende Antwort.

'Was Koks, Alter?', will Rocko wissen, womit der tiefere Sinn meiner Entscheidung bis auf Weiteres geklärt wäre.
Ohne meine Zusage abzuwarten, reicht er mir eine gut gefüllte Puderdose und ein aus Silber gefertigtes Röhrchen zum Einsaugen.
Ich bediene mich ausgiebig und lasse die Dose weiterwandern.

Noch bevor mir die erste Schleimattacke die Kehle verätzt, fühle ich Zuversicht in mir aufsteigen. Solange mir die Wohltaten abgebrochener Chemie-Studenten die Hirnrinde zerfräsen, bin ich gerne bereit mich mit Degenerierten egal welchen Kalibers zu umgeben. Entspannt stecke ich mir eine Kippe an und befrage Rocko nach dem Grund unseres Ausflugs.

'Sitzsäcke, Mann.', kommt es von vorne zurück. 'Wir wollen drei- oder vier Sitzsäcke für unsere Swinger-Lounge erwerben.' Ich will die Bedeutung des Begriffs Lounge gerade ein wenig näher erkunden, als neben mir unerwartete Hektik ausbricht.

'Jetzt reicht's aber!', kreischt Ingrid. 'Hör endlich auf, an diesem Pickel rumzudrücken.'
'Ich drücke nicht, du Plunze. Ich denke nach.', giftet Iris zurück.
Umgehend entwickelt sich ein handfester Tumult, in dessen Verlauf die Puderdose auf den Boden segelt. Soviel zu meinen Zukunftsaussichten.
'Beruhigt euch Mädels.', versucht Rocko zu vermitteln. Der Erfolg seiner Bemühungen ist gleich Null. Iris hat sich in Ingrids Kopf verbissen und scheint nicht bereit ihre Beute so schnell wieder freizugeben. Die Dauergewellte revanchiert sich mit raubtierhaftem Gebrüll. Ich unternehme einen waghalsigen Versuch, das verschüttete Kokain zu bergen, ernte aber nichts weiter als eine Portion ausgefahrener Fingernägel.

Während ich versuche die Blutung auf meiner Stirn mit einem Taschentuch zu stillen, meldet sich zum ersten Mal der Taxifahrer zu Wort. Ich habe ihn immer noch nicht im Sichtfeld. Der Stimme nach zu urteilen scheint es sich um einen ehemaligen Galeeren-Aufseher zu handeln.

'Wenn diese beiden Aussätzigen nicht sofort Ruhe geben, ist die Fahrt an der nächsten Ecke zu Ende. Und zwar für alle.'

Klar, daß dieser Wortbeitrag Rockos gottgegebene Autorität in Frage stellt. 'Behalt deine Scheiße für Dich, du Ausschuß. Konzentrier dich lieber auf die Strecke.', herrscht er den Fahrer an.

Der reagiert nun seinerseits empfindlich. Er reißt abrupt das Steuer herum, steigt in die Eisen und bringt den Wagen an einer Bushaltestelle zum Stehen.

'Raus sofort! Aber die ganze Bande!', brüllt er. Rocko läßt sich davon nicht beeindrucken.

'Ich steig nich' aus. Eher kauf ich das ganze scheiß Taxi.' Bei diesen Worten bringt der Mann mit der Popen-Kappe ein Bündel Hunderter zum Vorschein, das er aufgeregt in der Fahrgastzelle verteilt.

'Ja, gib's ihm Rocko!'
'Mach ihn naß, den Sitzpisser.'

Iris und Ingrid haben das Kriegsbeil scheinbar begraben. Der Fahrer buddelt es wieder aus. Er schwingt sich aus dem Wagen und sprintet einmal an der Motorhaube vorbei. Als er die Beifahrertür erreicht hat, reißt er sie auf und zerrt Rocko auf den Bürgersteig. Endlich erhalte ich die Gelegenheit, unseren Chauffeur in Augenschein zu nehmen. Er sieht aus, als hätte er seine Jugend damit verbracht, Rinderhälften zu verladen. Unter dem hautengen Latex-Leibchen zeichnen sich kürbisgroße Muskelstränge ab.

Das Gesicht ist nicht weniger beeindruckend. Die Nase ist zum größten Teil abhanden gekommen (wahrscheinlich der Biß eines Orca), die Stirn ziert eine wulstige Narbe von der Länge einer halben Salatgurke (wahrscheinlich der Machetenstreich eines Inkatha-Kriegers), am Kinn klebt ein mit Borsten bewachsener Leberfleck (wahrscheinlich das Werk von Mama Natur).

Gegen eine derartige Lichtgestalt hat selbst König Rocko keine Chance. Er wehrt sich tapfer, zappelt und strampelt, wobei er flucht als ob es einen sächsischen Viehhändler in die Schranken zu weisen gelte. Aber all das kann nicht verhindern, daß er unter den wuchtigen Hieben des Kutschers wie ein trockenes Toastbrot auseinanderbricht. Dumpf schlägt sein Kopf aufs Pflaster, elegant spritzt sein Blut gegen meine Fensterscheibe und nimmt mir die Sicht. Der Niederschlag ihres Idols ruft bei meine Nachbarinnen wütendes Entsetzen hervor. Die Damen verlassen nun ebenfalls das Taxi, um vernichtende Rache zu üben.

Ich selbst sehe mich außer Stande ihnen beizuspringen. Einer muß sich schließlich ums Gepäck kümmern. Von den verstreuten Hunderten sammle ich alle ein, derer ich habhaft werden kann. Von der verstreuten Droge versuche ich wenigstens einen Rest zu retten, indem ich mir den Zeigefinger anfeuchte und mir das auf diese Art geborgene Material aufs Zahnfleisch schmiere.

Als ich mich wieder dem eigentlichen Geschehen zuwende, muß ich zu meinem Erschrecken erkennen, daß der Fahrer bereits den Rückzug angetreten hat. Ingrid verfolgt ihn mit einer Serie von Karatetritten, die auf die Nierengegend zielen. Iris bricht derweil die Antenne ab. Schnell husche ich aus der Karre. Eine Weiterfahrt erscheint mir unziemlich.

Rocko sitzt halbaufgerichtet am Wartehäuschen und präsentiert ein gebrochenes Nasenbein. Auf meine Frage nach seinem Befinden, antwortet er mit dem Siegeszeichen.

'Und Ikea, Alter? Sitzsäcke klarmachen?'
'Nee.', sagt Rocko, 'Muß erstmal nach Hause, 'ne Tablette einehmen.'

Mühsam erhebt er sich.
Das Taxi fährt unterdessen mit quietschenden Reifen davon.

'Schnellspritzer!', ruft ihm Ingrid hinterher.
'Päderast!', kreischt Iris.
Dann gesellen sich die beiden zu uns und klemmen sich den Versehrten unter die Arme.'
'Ok.', sagt Rocko, 'Ich werd dann erstma... Wir seh'n uns.'
'Auf jeden.', sag ich.

Zum Abschied übergibt mir Iris die abgebrochene Antenne und einen zusammengefalteten Zettel. 'Hier meine Telefonnummer. Meld dich doch mal an. Ich mach 'n super Schinkensalat.' 'Klar.', sage ich mechanisch.

Ich hab sie bisher noch gar nicht richtig wahrgenommen. Also unterziehe ich sie einer schnellen Musterung. Sie ist beileibe keine Schönheitskönigin, aber sie hat grüne Augen und trägt ein T-shirt mit der Aufschrift 'Präzisionswaffe'.

Ich denke, ich werde sie wirklich mal anzurufen.

 

"Sir" Jan Off