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Wertewandel im Schatten der Tragödie von Cordoba

Wir schreiben den Sommer 1978. Halb Deutschland hängt vor den TV-Geräten und verfolgt die Fußballweltmeisterschaft in Argentinien.

Doch während sich irgendwo in den Weiten der Pampa Hansi Müller und Konsorten darauf vorbereiten, von unseren österreichischen Verbündeten nachhaltig gedemütigt zu werden, spielt sich auf dem Sportplatz der Gesamtschule Margot Honnecker das wahre Leben ab. Die zukünftige Elite der Nation schickt sich an, dem immerwährenden Bösen eine einmalige und vernichtende Lektion zu erteilen. Oder um es anders zu formulieren, der männliche Teil meiner der Klasse bestreitet ein Fußballmatch gegen den unmenschlichen Teil der Parallelklasse 6 d; wobei das d gleichermaßen für Dünnschiß wie für Denguefieber steht.

Irgendein antiautoritärer Ignorant aus dem Lehrkörper hat vor dem Anpfiff die Parole ausgegeben, daß es sich bei der Völkerschlacht um ein Freundschaftsspiel handeln würde. Aber Freundschaft zählt hier nicht. Freundschaft hat zwischen den beiden Parteien noch nie existiert. Was zählt ist der Sieg, der vollständige Triumph des neuen Menschen über die ungepflegten Horden der Konterrevolution.

Die weibliche Belegschaft beider Klassenverbände hat sich am Spielfeldrand versammelt, um dem Tun der jungen Helden mit leuchtenden Augen Tribut zu zollen. Die pubertierenden Geschöpfe tragen ihre besten Rollkragenpullover, sie haben ihre John Travolta-Badges auf Hochglanz poliert, sie winken aufgeregt mit roten Plastikbehältnissen die der Aufbewahrung von Zahnklammern dienen; kurzum, sie warten freudig und erregt auf den ersten Kreuzbandriß.

Wer es beim gestrigen Abschlußtraining nicht begreifen wollte, fühlt es plötzlich mit jeder Masche seines selbgestrickten Schienenbeinschützers. Heute geht es um alles. Ruhm oder Tod muß die Devise lauten. Leider liegen wir bereits 0 zu 4 zurück und das obwohl die erste Halbzeit ihren Zenit noch nicht überschritten hat. Der Gegner verfügt eben über die größere Anzahl von Schulversagern, von denen einige zum Teil bereits zum ZWEITEN Mal sitzen geblieben sind. Ein körperlicher Vorteil der in dieser Jahrgangsstufe nicht unerheblich zu Buche schlägt. Dennoch bin ich guten Mutes. Den unbedingten Glauben an die moralische šberlegenheit meines Teams kann auch ein 0 zu 4 nicht erschüttern. Nur nicht nervös werden, lautet die Marschroute.

Und siehe da, gerade wie ich gemütlich an der Außenlinie entlang trabe, sehe ich meine ganz persönliche Chance. Der Ball wird in den freien Raum geschlagen, landet keine zehn Meter von mir entfernt, rollt fröhlich Richtung Gegner und bleibt kurz vor der Strafraumgrenze liegen. Ich starte durch und biete der Galerie einen Sprint, als ob ich mich zwei Jahre lang ausschließlich von Clenbuterol ernährt hätte. Ich höre die Tribüne meinen Namen kreischen, ich höre jemanden hinter mir - ich glaube es ist Igor Schuricke unser Libero - wie er mir zuruft: 'Tu ihn rein Mann!'

Und für mich klingt es wie: 'Töte! Planier sie! Radier sie aus!' Nichts leichter als das. Ich werde die ganze Meute ins Nirwana befördern. Die Erhabenheit des Augenblicks läßt Wellen der Euphorie durch mein Gehirn branden.

Und dann genau in dem Moment als das Leder endlich in Reichweite gerät, sehe ich einen gegnerischen Abwehrhünen auftauchen. In diesem Fall handelt es sich um Cengiz (tm)zturk, einen beinharten Manndecker der altermäßig ebenfalls in einer anderen Liga spielen müßte. Genau darauf habe ich spekuliert. Ich laße mich von den kompakten Oberschenkeln in keinster Weise beeindrucken, lege im Gegenteil noch einmal Tempo zu. Mein Plan ist wagemutig, aber Allah der Gerechte läßt mich nicht im Stich. Mein rechtes Bein verhakt sich generalstabsmäßig im fleischgewordenen Panzerkreuz von (tm)zturks Beinen. Mein Körper hebt ab. Und dann liege ich auch schon am Boden, wälze mich herum und gebe unmenschliche Laute von mir. Das erregte Stöhnen der Zuschauerinnen verschafft mir die Gewißheit, das die Aktion auch optisch nicht ohne war. Jetzt nur keinen Fehler machen.

Ich lasse die vorschriftsmäßige Leidenszeit verstreichen. Dann erhebe ich mich mühsam und humpele mit schmerzverzerrtem Gesicht ein wenig auf und ab. Währendessen riskiere ich einen Blick auf die vermeintliche Verletzung. Zu sehen ist gar nichts. Aber innere Verwundungen waren schon immer die gefährlicheren. Demgemäß sehe ich mich außer Stande die Partie zu Ende zu spielen.

Begleitet von den aufmunternden Bemerkungen meiner Mannschaftskameraden schleppe ich mich vom Feld und wanke in Richtung unserer Fankurve. Die Mädchen empfangen mich mit Gesichtsausdrücken die zwischen mütterlicher Besorgnis und ehrfürchtiger Verehrung schwanken. Ich darf mir einen Platz aussuchen und entscheide mich für einen arschbreites Stück Rasen zwischen Ilka Ranneberg und Cordula Tollkühn. Beide haben sich heute mit dem Lockenstab besonders viel Mühe gegeben. Ganz davon abgesehen gelten sie allgemeinhin als Klassenschönheiten, werden demgemäß auch von mir verehrt, wobei ich Cordula, die nachweislich schon einmal Petting hatte, ein gewißen Vorzug einräume.

Während ich meinen Kopf in ihren Schoß bette, vertendelt mein Team den von mir geschundenen Freistoß und muß im Gegenzug das 0 zu 5 hinnehmen. Es läßt mich kalt, genauso wie die restlichen 7 Gegentreffer.

Ich genieße jede Minute dieses Debakels, laße mir von Ilka genüßlich das Knie massieren, während Cordula ihre Finger zärtlich durch mein korrekt geföhntes Haar streichen läßt. Noch vor der Pause hat sich ein Gedanke, der bisher nur selten aus den Abgründen meines Unterbewußtseins ans Tageslicht gedrungen ist, zur sicheren Gewißheit verfestigt. Fußball mag von geradezu lebenswichtiger Bedeutung sein. Mädchen sind wichtiger.

Als meine Mitspieler nach 90 freudlosen Minuten Richtung Umkleidekabine schleichen, bin ich der Einzige der dem impertinenten Grinsen der Sieger etwas entgegenzusetzen hat. Die verschissene 6 d mag ein Fußballspiel gewonnen haben, ich hingegen besitze eine mündliche Einladung für Cordulas Partykeller.

Sollen die kleinen Arschmaden ihren unverdienten Triumph ruhig mit Cola-Rum und Apfelkorn begießen. Ich werde derweil zur aktuellen Bay City Rollers-Scheibe die Hüften schwingen und meine ganz persönlichen Teenage-Göttin mit ein paar neuen Schritten beeindrucken.

Wer weiß, vielleicht ergibt sich sogar die Gelegenheit ein wenig dem Engtanz zu huldigen. Auf Cordulas Frage, ob mein verletztes Bein derartigen Belastung denn überhaupt standhalten werde, gebe ich die einzige richtige Antwort. Ich gönne ihr ein stahlhartes Clint Eastwood-Lächeln und stecke mir eine Kippe ins Gesicht. Dann marschiere ich meinen geschlagenen Teamkollegen hinterher, um ihnen einen wenig Trost und Beistand auszusprechen.


Sir Jan Off