Stories:


Ende der Nacht


Ich saß am Tresen der "Wunderlampe", und beobachtete das Leeren meines Glases.

Es ging schnell, viel zu schnell. Der Laden hatte seinen Namen zu recht; ich sah: Tätowierte Personen Arme, deren Motive die im Gespräch vor Selbstmitleid zerflossen, und halbseiden/abgehalfterte Typen, die mit platten Schmeicheleien dunkelhaarige, dumpfe Schönheiten betörten, weiterhin: Gestalten ohne Gesicht, die vergeblich die Antwort in ihrem Getränk suchten, das so schwer, so unergründlich schwarz war wie ihre Gedanken selber.

Beiläufig schaute ich zu meiner rechten Hand, wo ich immer ein Bündel Reisig hielt.

Ein panischer Schrecken erfaßte mich: Es waren nur noch drei Halme übrig. Ich schaute über meine Schulter, und da stand er.

Er lächelte mich an; seine geleckten Hauer schimmerten im künstlichen Licht. Er hielt mir ein Glas gepreßter Trauben hin und sagte:

"Hier, trink."

Doch ich zögerte. Vertraulich näherte sich sein mit wilden blonden Locken umrahmtes Gesicht dem meinem.

"Komm, zier Dich nicht; setz das Glas an deine Lippen, trink und es wird Dir besser gehen. Vertraue mir..."

Tja, wir waren schon Kumpel.

Oft hatten wir zusammen abgehangen und tranken, oder vielmehr: ich trank und lauschte seinen Worten, seinen Sätzen, die Musik war in meinen Ohren. Versteht Ihr! Musik!

Er erzeugte damit Wohlklang, Wohlbehagen und noch viel mehr........,es ging tiefer! Aber er wurde zudringlicher, so wie er jetzt das Glas immer näher zu meinen Mund führte. Ich erschauerte.

"Es wird dich erwärmen, Dir Trost und Hoffnung spenden........,Du weißt doch. Warum sich dagegen wehren? Schau Dich doch einmal um, es kann doch noch so schön werden, ..mmh, meinst nicht auch?"

Ungeduldig vollführte er einen Tanz mit sich selber, um mich zu animieren.

"Ja", entgegnete ich, "kann schon sein", doch nur um danach noch mehr zu frieren.

Die süße Lust war jetzt ganz nah und sie kam immer näher.

Schnell hob ich meine Flasche an und trank aus in einem Zug.

Auch ich hatte ein Recht auf Unglück, Leid, Sorgen und Garnichts.

Ich knallte die Flasche zurück auf die Theke und schrie:

"Zahlen, schnell!"

Dutzende Augenpaare stierten mich an. Hinter mir heulte es auf: "Warum tust du das? Was bringt's dir heute noch? Ich wollte dir nur helfen, und so dankst du mir das jetzt? Mach dir doch keine Illusionen mehr, dafür bist du doch zu alt."

"Ich bin halt ein Illusionenjäger", sagte ich, stand vom Hocker auf und ließ ihn stehen.

Auf dem Weg zur Tür kam mir die Bedienung entgegen. Ihre Weiblichkeit sprengte fast den Rahmen. Ich legte meine linke Hand in ihren Nacken und zog sie zur mir hin.

"...W..was..sollte....?", stotterte sie, als ich von ihr abließ.

"Nichts. Rein gar nichts. Hier,...stimmt so."

Ich ging weiter. Ich blickte mich nicht mehr um, als ich an der Tür ankam.

Ich wußte, er war nicht mehr da. Dann öffnete ich die Tür, ging die Treppen herunter; unten angekommen blieb ich stehen und füllte meine Lungen mit frischer Luft.

Dann machte ich mich wieder auf die Reise, auf die Reise bis ans Ende der Nacht.

 

Volker David