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Männe und Lulla

Gestern war Männe nüchtern. Das war nicht das erste Mal. Schon einmal in dieser Woche war’s passiert, und auch vergangene Woche war Männe zweimal einfach so ins Bett gestiegen, allerdings konnte er dann kaum einschlafen. Was war geschehen? Er wußte es beim besten Willen nicht zu sagen, er grübelte und grübelte. Ihm war irgendwie die Lust am Trinken vergangen.

Jedenfalls war Männe gestern nüchtern und ihm war nicht wohl, als sich Lullas Heimkehr ankündigte.

Lulla brauchte etwa eine Viertelstunde, um vom Hauseingang in den vierten Stock zu gelangen, es war gegen drei Uhr nachmittags. Lulla trug, wie üblich, ihre Frottee-Jogginghose, die einmal grün gewesen war und ihr ausladendes Hinterteil umlappte. Männe und Lulla waren verheiratet. Damals, bei der Hochzeit, hatten sie von einer rosigen Zukunft geträumt. Er hatte ein Umschulungsangebot zum Verkäufer im Einzelhandel in der Tasche, sie arbeitete beim Wienerwald auf der Reeperbahn. Kinder hatten sie sich gewünscht, und eine größere Wohnung im Grünen.

Das mit den Kindern hatte ihnen der Arzt beibringen müssen, das mit Wienerwald der Filialleiter. Der war nicht unhöflich gewesen, doch es half natürlich nichts. "Die Leit’ wollen’s halt ka’ Hendl mehr essen." Der Filialleiter seinerzeit war tatsächlich Wiener gewesen, was Lulla übrigens ganz selbstverständlich vorkam.

Als sie die Treppenstufen hochkroch, mußte sie andauernd anhalten, um Kraft zu schöpfen für den Anstieg. Sie meckerte ununterbrochen lauthals vor sich hin. Sie jammerte aber nicht. Weder Lulla noch Männe jammerten jemals. Männe saß in der Wohnung, sah hin und wieder auf das Fernsehgerät, irgendein Kabelprogramm lief. Herzogs Rede vom Standort Deutschland und Jungunternehmern, muß eine Wiederholung sein, dachte Männe, war doch neulich in der Morgenpost und so, dummes Gequatsche. Als Werbung kam, hörte er das Herumgestocher am Schlüsselloch.

Die Tür öffnete sich und Lulla fiel hinein. Auf den Holzbohlen des Flurs kullerten die Dosen umher. Lulla schimpfte. Männe sah, daß sie nichts zu essen eingekauft hatte und nicht den guten Weinbrand, den sie Kuddel mitbringen wollten. Nur Dosen. Im Hintergrund immer noch Werbung, Generation Golf.

"Ich mach mich krumm die ganze Zeit, immer ich, und du du de d...", brachte Lulla hervor. Sie stand auf, es war nicht einfach. Ein dunkel umrandetes Auge verunzierte ihr Gesicht. Männe hatte sie nicht geschlagen, auch wenn die Nachbarn dies denken mochten. Das war in der Kogge passiert, als sie rausgeschmissen wurde. Männe wollte keinen Streit jetzt. Er sammelte die Büchsen auf und verstaute sie im Kühlschrank. In der Wohnung nebenan wurde laute Musik gespielt. Junge Leute waren kürzlich eingezogen, sie hatten wohl einen Haufen Geld, wenn sie sich eine solche Musikanlage leisten konnten, dachte Männe. Durchs ganze Haus wummerte es.

Lulla döste nun im großen Sessel, der zur Garnitur gehörte, die ihnen von den Eltern zur Vermählung geschenkt worden war. Man sah sich inzwischen nur noch selten. Sie blickte verschwommen aus dem Fenster, über die Dächer ihres Viertels. Sie waren nicht herausgekommen aus diesem Viertel. Das Wetter war schön.

"Mensch Lulla, du wir müssen noch mal nach’m Penny hin", hob Männe an, "wir sind doch mit Kuddel verabredet heut abend. Wollten ihm doch was mitbringen. Kuddel wird 50, immerhin."

Lulla war abwesend. Sie atmete schwer, wobei sich ihr Oberkörper, der im Vergleich zu ihrem Unterbau von zierlicher Gestalt war, rhythmisch vor- und zurückbewegte. Männe setzte sich seinen Kaiser Wilhelm auf und griff aus der Küchenschublade das letzte Geld. Reserviert für Notfälle. Aber ohne Geschenk konnten sie einfach nicht bei Kuddel aufkreuzen.

Er schlug die Tür hinter sich zu. Abmarsch. Die allerletzte Kohle, und noch eine Woche bis zur nächsten Überweisung. Er wollte nicht daran denken. Die Verkäufersache war schiefgelaufen, außerdem der Ärger mit Lulla, nachdem der Wienerwald dichtgemacht hatte. Sie lebten von der Sozi, was soll’s, zunächst war es ihm unangenehm, weil er aus Verhältnissen kam, wo so was ein Schandmal war. Es war ihm inzwischen gleich. Er hatte sich beworben, hatte kleinere Sachen gemacht, Sklavenarbeit, wie es ihm vorkam, aber ihm fehlte wohl die richtige Ausstrahlung auf die Chefs.

Wenn er trank, fühlte er sich zurückversetzt in alte Zeiten, als er über die Weltmeere schipperte, Schanghai, Panama-Kanal, Santos, Yokohama. Dann die Ausflaggungen, Niedergang der deutschen Handelsmarine, Gerede der Politiker, der Alkohol. Im Fernsehen hatten sie letztens was gebracht, im Regionalfunk, ein alter Mann, der Jahre seines Lebens einsam im Leuchtturm wachte, Schichten schob fernab von Menschen, fern seiner Geliebten. Jetzt, als alter Mann, sagte er: "Früher wollte ich immer vom Leuchtturm weg, und nun, wo ich bei den Menschen bin, will ich am liebsten zurück in meinen Leuchtturm." Männe konnte den gut verstehen.

Am Hans-Albers-Platz grüßte er Helga, die sich tagsüber anbot, weil sie für nachts zu alt und häßlich war. Sie kam nicht über die Runden, schon gar nicht als Tresenbedienung, wo sie ihre eigenen Getränke zahlen mußte. Das machte sie auch noch, Tresen und eigene Getränke zahlen. Für einen Schnack war sie natürlich trotzdem immer zu haben.

"Na, Helga, wat löpt? Was machen die Gören?"

"Alles im grünen, Männe, der Lütte macht sich, du der macht seinen Abschluß und wird mal was. Heut abend bei Kuddel?"

"Jo klar, das wird’n Fest! Weißt noch, letztes Jahr?"

"Jo, klar doch, Männe, altes Wrack! Ich hab mit Susi so’n Holzneger besorgt, dem kannste ne Flasche aufs Tablett stellen. Wirst praktisch die ganze Zeit bedient."

Helga lachte.

"Sehn uns." Männe weiter zum Supermarkt. Da war die Polizei. Wat wolln die Bullen hier, dachte Männe, aber er sah schon, was anlag. Irgendwelche hatten randaliert vor dem Laden, Obdachlose, die ganz Fertigen. Einer der Polizisten redete auf einen mit offenen Stellen im Gesicht ein, daneben jemand mit weißem Kittel. Der war vom Penny-Markt.

Hinter dem war die geborstene Scheibe, es baumelten noch Sonderangebots-Plakate in der Gegend herum. Männe schob sich an dem Aufgebot vorbei in die Regalgänge hinein, deren Fußboden weißgrau gekachelt war. Zermatschte Weintrauben ließen ihn beinahe ausglitschen. Ein paar Jungs nutzten die allgemeine Aufregung und packten sich allerhand Waren in ihre Jackentaschen.

Als Männe in seine Wohnung zurückkehrte, erblickte er Lullas aufgedunsenen Leib. Sie war wie ein unregelmäßig aufgegangener Teig mit der Sesselform verschmolzen und schnarchte wie ein Motorrad. Er selbst war spindeldürr geblieben in den ganzen Jahren. Die Schiffermütze neben das Telefon gelegt, den guten Tropfen aufwendig verpackt. Den Fernseher ausgeschaltet, das Radio angestellt, Alsterradio, alte Schlager und Oldies. So konnte er Lulla wecken.

Heute würde er trinken. Das war sicher. Also konnte er schon mal eins aufmachen, er war guter Dinge. Ihm war unwohl gewesen vorhin, aber er freute sich auf die Feier bei Kuddel.

Kuddel wohnte auf der anderen Seite der Reeperbahn. Der hatte vor einer Zeit, die eine Ewigkeit her sein mußte, seine letzte Heuer durchgebracht. Das mit Frauen war allerdings noch länger vorbei. Jaja, der Kuddel. Männe mußte grinsen, er grinste in sich hinein, während er sein nächstes Holsten aufriß und ihm wohler wurde. Er hatte Kuddel auf der Bremen kennengelernt.

Natürlich nicht auf dem Passagierschiff gleichen Namens, welches als eines der letzten in den Siebzigern zwischen Bremerhaven und New York pendelte, sondern auf diesem alten Frachter, auf dem ein diktatorischer Kapitän die Leute rumkommandierte. Kuddel hatte damals die Idee gehabt. Alle wollten dem Kapitän, den sie "Seewolf" nannten, eins auswischen. Man wünschte ihm die Gonokokken an den Hals und sonstwohin.

Ein lautes, halbschlafenes Schmatzen kam vom Sessel her. Lulla begann, unter dem Säuseln von Katja Ebstein ihr Bewußtsein wieder zu erlangen. Männe hatte sich nicht getäuscht. So wurde sie wach. Er öffnete sich das nächste. Es schmeckte gut, und bald war es wieder alle. Und deswegen stand er auf, um sich aus dem Kühlschrank noch eine ordentliche Dose Holsten zu genehmigen. Lulla fing an zu blinzeln.

Sie hatten für zwei Nächte im Hafen von Bombay festgemacht. Ein stinkendes Dreckloch. Aus dicken Rohren ergossen sich die Abwässer der Stadt ins Hafenbecken. Der Seewolf hatte sich 14jährige Mädchen an Bord geschafft. Wäre geheim geblieben, wenn nicht Kuddel den Funker, schwul bis Oberkante Unterlippe, rangekriegt hätte. Damals war Homosexualität in Indien, ein schweres Vergehen.

Kuddel hatte diesem Weichei gedroht, alle wüßten Bescheid, und es würde schnurstracks jemand zur Hafenpolizei marschieren, wenn nicht... Der Funker bekam mächtig Schiß, und so tat er notgedrungen, wie ihm geheißen. Er schaltete die Verbindung von der Brücke, auf der sich der Seewolf gerade vergnügte, auf Kurzwelle. Sämtliche angeschlossenen Schiffe, die Sendestationen und sogar die Matrosen bekamen alles mit, denn die Bordanlage war auch hochgedreht.

Der Seewolf stöhnte dort oben, daß die Planken zitterten. Dazu noch die Sprüche: komm her, du kleine Hure, los, du dreckige indische Nutte, komm her zu Papa, und allerlei mehr von diesem Kaliber. Klar, daß der Mann von der Reederei schnellstens abserviert worden war, abgesehen von dem Gelächter und der Scheidung, die seine Frau beim Amtsgericht Blankenese eingereicht hatte. Kuddel war wirklich ein ganz Großer, ein feiner Kerl.

Inzwischen war Lulla raus aus ihrem Sessel. Sie hatte ihren Ärger vergessen. Pünktlich um sieben erschienen Männe und Lulla mit den anderen Gästen an Deck, und die Leinen konnten losgemacht werden. Kuddel, der den Apfelkorn wie Saft trank, brachte richtig Stimmung in seine kleine Wohnung, und man schwoofte in die Nacht hinein. Es wurde eine wundervolle Geburtstagsfeier.

 

Matthias Eichhorn