Stories:


Ölwechsel

Bekanntlich verdienen heute größtenteils die Frauen das Geld, und die Männer lassen sich von ihnen durchfüttern. Das begründet auch den Umstand, dass es uns Kerlen immer weniger ums Äußere als vielmehr um die geldmäßige Potenz der Mädchen geht. Um die Laune aufrecht zu halten, bedarf es allerdings gelegentlicher Bekundungen des guten Willens, um den eigenen mickrigen Anteil der alltäglichen Arbeiten zumindest kurzfristig vergessen zu machen. Es besteht zum Beispiel die Möglichkeit, hin und wieder mit dem Ausdruck derunermesslichen Anstrengung, die man sich auferlegt, das Geschirr vom Wochenende zu spülen.‘Und wie tölpelhaft er sich doch anstellt‘, muss sie denken, ‘der Arme, ohne mich wäre er zweifellos nicht überlebensfähig!‘ Besser jedoch ist es, sich großzügig für die Wartung ihres Automobils verantwortlich zu erklären. Nicht deswegen, weil man es andauernd ausleiht und eine gewisse Gegenleistung für das verblasene Benzin zu erbringen sich genötigt sehen könnte, sondern weil dieses Feld eine der letzten Domänen des Mannes ist, bei der er die Notwendigkeit seiner Existenz beweisen kann. Das alles wirkt sich obendrein heilsam auf sein allgemein ramponiertes Selbstbewusstsein aus.

Wir haben Sommer, Urlaubszeit. Eine gute Gelegenheit, die theoretischen Betrachtungen mit konkretem Handeln zu unterfüttern, denn eine romantische Reise gen Spanien mit dem schnuckeligen Renault ist geplant. Sonnenuntergänge am Strand, Cafés in quirligen Altstädten, Vino Nero zu Paella in urigen Restaurantes - das sind die Szenerien, die seit den grauen Wintermonaten unsere Phantasie bevölkern. Es ist ausschließlich Kathrins Wagen, der für die Tour in Frage kommt, denn ich besitze, wie bereits angedeutet, keinen. Sie nennt ihn "Puschel". Dass die Fahrt und in der Folge unsere ganze Beziehung scheitert, ist eine Tragödie, die ihren Ursprung letztlich in meinem Sturkopf hat. Ich entscheide nämlich, aus den genannten Gründen, dieses Auto einer Inspektion zu unterziehen. Zudem bin ich nicht willens, wie der letzte Depp einen Berg Geld in den Rachen südländischer Abzocker zu schieben, die einem die Kiste erst mal kaputt reparieren, obwohl gar nichts Ernstes anliegt. Man will bloß, ohne dass es so komisch ruckelt, seine Reise fortsetzen, und schon zahlt man ganze Monatsmieten für die Dummheit, vorsichtshalber eine Werkstatt anzusteuern, ist ja allseits bekannt. Und die abgewichsten Füchse da unten wissen natürlich Bescheid. Keine Sprachkenntnisse, Angstschweiss, persönliche Reibereien (Sie:"Scheiße, Wo sollen wir jetzt übernachten, Wie soll das gutgehen, Mein einziger Urlaub in diesem Jahr, Wären wir doch nach Fuerteventura geflogen, Auf Zelten hatte ich sowieso keine Lust, Wegen dir häng ich jetzt in diesem verschissenen Scheißkaff, Du Versager..."). Na, wer würde solchen Volltrotteln von deutschen Touristen nicht aus reinem Vergnügen das Leben ein bisschen schwer machen wollen. Also gründliche Vorsorge treiben, ist des weisen Mannes Rat: Vorbeugen ist besser als heilen! Genau, diese Zeitschrift meiner Krankenkasse mit den fröhlichen, gesunden Menschen drinne verkündet doch die richtige Weltanschauung!

Es ist soweit. Heute soll der Tag der Tage sein, die Aktion soll anrollen. Es ist früh. Ich quäle mich aus dem Bett, stehe zusammen mit Kathrin auf, die noch ihren letzten Arbeitstag hat. Ich schleppe mich an den Frühstückstisch, den sie schon gedeckt hat und eröffne ihr meinen Plan.

"Schatz, heute werde ich dein Auto glücklich machen. Puschel wird neues Öl bekommen und dann schnurren wie ein Jaguar."

"Das erzählst du mir seit zwei Wochen. Heute abend wollen wir los, vergiss das nich. Ich hab dir schon gesagt, du MUSST das nicht machen. Ich hab übrigens einen ADAC-Schutzbrief bestellt, der müsste heute mit der Post kommen."

Sofort werde ich missmutig. Glaubt sie etwa, ich kriege das nicht hin? Ist sie der Meinung, ich würde wie Hein Gloddel aus der Dusche aussehen, falls es unterwegs zu technischen Problemen käme? Dabei habe ich extra einen Knarrenkasten gekauft, mit Gelenkantrieben, Zündkerzenschlüssel und allem Pipapo.

"Wieso trittst denn du dem ADAC bei?", sage ich, "Was soll das denn schon wieder?! Mann, du schmeißt das Geld zum Fenster raus! In Spanien helfen die dir sowieso nich weiter, außerdem weiß doch jeder, dass das‘n scheißrechter Verein ist - die würden doch am liebsten die ganze Welt mit Autobahnen zupflastern."

"Nun reg dich ab, bleib mal ruhig. Hey, ich habe ab morgen Uuuurlaub, und darauf freue ich mich! Und ich freu mich, dass du das Auto noch reparieren willst. Mehr nicht, ok?"

Sie ist inzwischen aufgestanden, sie muss los. Sie gibt mir einen Kuss. Sie nimmt mich nicht für voll, denke ich.

"Es geht nicht darum, das Auto zu REPARIEREN, es geht darum, den Wagen fit für eine längere Fahrt zu machen", belehre ich noch und komme mir ziemlich daneben vor.

Ich werde mir die Laune nicht vermiesen lassen, beschließe ich, als ich auf den Parkplatz von Mattis-Autoteile einbiege. Dass das schöne Wetter der vergangenen Wochen allerdings vorbei ist, ärgert mich dann doch, denn ich hatte mir vor Tagen einen bestimmten Platz für den Ölwechsel ausgeguckt. Bei Regen wäre er ziemlich nass, und es fing eben an zu regnen. Na, das hört schon wieder auf, versuche ich mich aufzumuntern, ich begebe michin die Verkaufsräume und stelle mich in die Warteschlange einer dieser Bestellschalter. Jede Menge Bastler sind schon auf den Beinen, müssen die nicht arbeiten? Ich muss mir eingestehen, dass ich im Vergleich zu diesen Leuten aussehe wie ein Anfänger, habe nicht solche ollen Achtzigerjahre-Jeans an und keinen Schnauzer und nicht solche klobigen, schmutzigen Hände. Wahrscheinlich sind das alles Automechaniker, die arbeitslos sind, zumindest sich haben krankschreiben lassen, und nun schwarz auf eigene Rechnung machen. Ich bin an der Reihe.

"Moin moin!", versuche ich, den Typen mit blauem Kittel und Zigarette lässig zu begrüßen, so als sei ich einer von ihnen. Dabei nicke ich kurz, um ihm zu vermitteln, ich bin Kumpel, ich bin okay. "Und?" Die Schachtel Reval aus der Brusttasche ragend, wartet er auf meine Bestellung. Mein Versuch der Sympathieerzeugung ist spurlos an ihm vorbeigegangen. Ob dieser Hohlbeutel schon mal einen Gedanken an die Bedeutung der Beziehungsebene in einer Gesprächssituation verschwendet hat?

"Gut, ja, also ich brauch ein paar Sachen, also, es geht um folgendes, ich will.."

"..So, jetzt komm mal zum Punkt!", fährt er mir dazwischen, "du bist hier nich der einzige. Welches Fabrikat?" Ich bin verwirrt.

"Wie, Fabrikat?! Ich will einen Ölwechsel machen und brauche erst mal Öl. Also eigentlich ganz normales Öl."

Der Typ sieht mich an, als sei ich vom Mond, hinter mir aus der Schlange meine ich, ein kurzes Lachen zu hören.

"Junge, Öl steht dahinten. Überleg dir ersmal watte willst, bevor du anfängst wie‘n Großer anzukommen", dann erhob sich seine Stimme, "so, nächster mal!"

Ich werde weggeschoben, drehe mich um und erblicke die Regale, in denen alle möglichen Sorten Motoren- und Getriebeöle dem Kunden entgegenprangen. Scheiße, ist mir das peinlich. Sogar die Tussen an der Kasse stecken bereits die Köpfe zusammen. Scheiß blondierte Tanten, die sich für nichts interessieren außer Männer, bunten Unterprivilegierten-Tand und Pauschalreisen in die Dominikanische Republik. Ihr könnt mich am Arsch! Ich habe meinen Plan, und den werde ich durchziehen! Ich stelle mich wieder an.

"Und?" Der Mann scheint mich beizeiten vergessen zu haben.

"Ein‘ Ölfilter für Renault Twingo, 44 kW, Baujahr 95."

"Schlüsselnummer?" Er fängt schon an, Daten in seinen Computer zu tippen.

"Keine Ahnung Schlüsselnummer", erwidere ich, "wozu bitte?"

"Ach lass", grummelt er vor sich hin, "ich krieg das auch so." Er schien nachzudenken, klickt durch die Listen und Bauzeichnungen.

"So, hab ich, und?"

"Verteilerkappe."

Er ist wieder beschäftigt.

"Auch Finger?"

"Nee, aber Kerzen. Und das wars dann."

Leider hat der Regen zugenommen. Ich fahre erst mal zu mir nach St. Pauli, einen Snack zu mir nehmen. Seitdem ich vor allem bei meiner Freundin schlafe, hat der wohnliche Charakter meiner Wohnung eher abgenommen. Nichts zum Snacken in der Küche. Der Abwasch türmt sich und eine Maus verpisst sich bei meinem Eintreten in eine Ritze im Holzfußboden. Ich gehe runter zum Türken und hole Zigaretten und Kaffee.

Irgendwann nach zwei Ladungen Kaffee ist es Mittag. Viel geschafft habe ich noch nicht. Ich muss ja auch noch packen. Und abwaschen. Auf die tolle Inspektion, auf die ganze Karre habe ich nicht die geringste Lust mehr. Und draußen schifft es aus Kübeln. Jetzt gilt es, einen klaren Kopf zu bewahren. Ich verwerfe den Gedanken, den Ölwechsel irgendwann unterwegs zu machen, in Frankreich oder so. Mein ursprüngliches Konzept war es, den Wagen mit den Vorderrädern auf einen hohen Kantstein zu parken, so dass ich mich darunterlegen können würde. Auf diese Weise käme man an die Ölablassschraube heran. Einen Auffangbehälter hatte mir Kathrin längst besorgt, eine alte Schüssel, die seit Wochen im Kofferraum hin- und herrutschte. Das Altöl würde ich zur Tankstelle bringen, und falls die sich weigern sollten, es anzunehmen (weil ich dort kein frisches kaufen würde), dann eben zum Recyclinghof. Für den Filter habe ich einen speziellen Filterschlüssel besorgt. Natürlich kann man zur Tanke fahren und das alte Öl absaugen, aber das hat den Nachteil, dass der Schlamm von ganz unten nicht rauskommt. Ein alter Hut. Außerdem gehört zum korrekten Ölwechsel grundsätzlich ein Ölfilterwechsel dazu. Alles nichts Neues, und ich bin halt Perfektionist. Wie ich so vor mich hingrüble, werde ich bald wahnsinnig. Kathrin wird mich auslachen, wenn es nichts wird. Oder schlimmer, sie wird sagen, macht doch nichts. Aber Moment mal, was heißt hier, es wird nichts? Verdammt, ich habe mir vorgenommen, etwas zu tun, also, auf geht‘s! Immerhin habe ich alles, was ich brauche, beisammen. Es heißt jetzt, sich ein Herz fassen, in Aktion treten, nicht länger herumsitzen und Kaffe trinken! Mit so ´ner Haltung hätte Cäsar nie den Rubikon überschritten, wäre Gauguin nie nach Tahiti gegangen, hätte Napoleon oder Hitler... Na, lassen wir das.

Ich ziehe mir meine alten Jeans an und streife mir einen Arbeitspulli über. Der ist noch ganz sauber, da ich aber nichts anderes habe, definiere ich dieses Wäschestück zum Blaumann. Den Jutebeutel mit dem Werkzeug in der Hand, verlasse ich meine Wohnung. Trotzig marschiere ich durch den Regen, der mir in Böhen ins Gesicht weht. Der Renault steht um die Ecke. Unterm Scheibenwischer hängt ein Strafmandat. Das ist eine Prüfung, denke ich, man will mir Steine in den Weg legen, um zu sehen, ob ich kapituliere. Werde ich aber nicht, WERDE ICH ABER NICHT! So was macht mich bloß stärker, macht mich unbezwingbar! Mir kommt eine Idee, als ich an einem Stapel Sperrmüll vorbeigehe. In meinem Plan gab es stets die Lücke, wie ich auf diesen hohen Kantstein, den ich mir ausgeguckt hatte, hinauffahren sollte. Denn der Wagen würde mit seiner Frontpartie bei einem solchen Versuch zwangsläufig in Mitleidenschaft gezogen werden. Doch nun erspähe ich die Lösung: Holzbretter. Ich ziehe zwei nasse, zementverschmierte Bohlen zwischen WC-Becken und Bauschutt heraus. Die ganze Angelegenheit erscheint mir sonnenklar. Die Hölzer benutze ich als Rampe, um vom Straßenniveau auf den Kantstein zu gelangen! Locker vom Hocker, Alter!

Die Tatsache, mir feine Splitter in die Handballen gezogen zu haben, registriere ich in meiner Verbissenheit kaum mehr, als ich losfahre. Ich blicke in den Rückspiegel und sehe eine übermüdete Fratze, der das Wasser von den nassen Haaren heruntertropft. Bevor ich zu den Landungsbrücken hinunterfahre, wo sich der besagte geeignete Kantstein befindet, muss ich noch ein paar Runden um den Block drehen. Denn eines ist logisch: soll das Öl ordentlich herausfließen, muss es richtig warm sein. Die 100 Meter fahren reichen da nicht, und ich habe durch meine Kaffepause bestimmt an die drei Stunden verloren, in denen der Motor wieder kalt geworden ist. Ich denke also, fährst du einmal ums Heiligengeistfeld herum, dann wird das liebe Öl genau handwarm sein, so wie es beim Ablassen sein soll. Als ich an der Einfahrt zum Continent-Supermarkt vorbeikomme, geschieht mir ein Geistesblitz. Ja, es geschieht mir einfach.

Dieser Supermarkt besitzt ein überdachtes Parkdeck, auf dem wochenends Flohmärktler oder Gebrauchtwagenhöker ihren Ramsch anbieten. Heute aber müsste Platz sein. Und richtig kombiniert, es stehen nur ein paar Autos herum, es ist größtenteils leer, und es ist trocken. Ich bugsiere die Schüssel in die hinterste Ecke, in der schon alte Luftfilter und Fußmatten liegen und auch ansonsten der Eindruck entsteht, als würden hier die verschiedensten Leute ihre Werkstatt aufschlagen. Weniger diskret, nämlich mitten auf dem Parkdeck, sind überdies ein paar dubiose Typen dabei, eine Schrottlaube zu zerlegen. Alles bestens also. Das einzige Problem besteht darin, keinen Kantstein zur Verfügung zu haben. Aber das ist halb so schlimm, es tritt nunmehr der spontane Alternativplan in kraft. Ich räume den Kofferraum aus, hebe die Veloursabdeckung weg, entferne das Reserverrad und angle mir den Wagenheber heraus. Das Teil ist ruckzuck angesetzt, und schon ist die Kiste hoch und ich krieche drunter. Es ist elendig eng. Meine Nasenspitze schrammt an der Schutzabdeckung entlang, die den Motorraum vor Spritzwasser oder sonstwas bewahren soll. Jedenfalls tropft schlammiges Wasser in meine Haare und mein Gesicht. Als erstes muss ich diese beschissene Plastikabdeckung entfernen. Es gilt, eine Menge verrosteter Schrauben zu lösen.

Irgendwann ist es soweit. Ich habe die Ölwanne vor meiner Nase. Sie ist so dicht vor meinen Augen, dass ich schielen muss, um den Ablassstopfen zu fokussieren. Es ist zum Heulen. Dieses Ding verlangt nach einem Spezialschlüssel, den ich nicht besitze. Mir ist nun alles egal. Ich entspanne meinen unentwegt verkrampften Nacken und lasse meinen Kopf auf den ölig schlammigen Betonboden des Parkdecks sinken, von dem er eh bloß ein paar Zentimeter weit entfernt war. Ich bin inzwischen völlig versifft. Ein paar blutige Schrammen zieren meine ansonsten schwarzen Hände. Wie spät mag es sein?

Zum Aufgeben zu früh!, entscheide ich im Fatalismus eines Käpt‘n Ahab. Ich ziehe mich unter dem Auto heraus, indem ich mich an der Vorderpartie festkralle und eine Art umgekehrten Klimmzug vollbringe. Ein Schraubendreher befindet sich unter meinem Rücken, die Wirbelsäule nuckelt schmerzend über den Griff. Ich habe keine Zeit, ihn zu entfernen: Gerade noch rechtzeitig kann ich meinen Kopf wegziehen, denn der billige Wagenheber hat das Manöver nicht mitgemacht: Das Gefährt rutscht über ihn ab, beziehungsweise das Ding klappt einfach weg und die Karre plumpst auf ihre Räder. Ich zittere. Himmel, ich habe gerade noch meinen Kopf gerettet!

Nachdem ich eine geraucht habe, gehe ich strammen Schrittes über das Parkdeck zum Fahrstuhl, der sich am anderen Ende befindet und eine Minute später befinde ich mich unten im Supermarkt. Ich ahne, dass es zu nichts führen wird. Dennoch suche ich die Werkzeugabteilung, haste durch die endlosen Regallabyrinthe, ohne Erfolg.

Laufe ich hier im Kreis? Kindermöbel, Gurkengläser, Kosmetiktöpfchen, Tiefkühlhähnchen, kilometerlang Tiefkühlhähnchen, Staubsauger, Flanellhemden, Zimmerpalmen, warum müssen mir dauernd Leute in den Weg kommen! Alles ist verwirrend. Ich nehme nur noch Lichtreflexe wahr, kann nicht mehr richtig einordnen, was sich meinen Augen darbietet. Eigentlich müsste ich irgendwas zu essen kaufen. Oder zu trinken, meine Kehle brennt. Nein! WERKZEUGABTEILUNG! ÖLABLASSSCHRAUBENSCHLÜSSEL! FÜR RENAULT! Plötzlich taucht ein Mitarbeiter dieser Vorhölle auf, hinter ihm zwei tatendurstig dreinblickende Sicherheitsleute.

"Brauchen Sie Hilfe?", schnarrt er mich an. Es klingt nicht wie eine Frage.

Ich kümmere mich nicht um das Pack, will weiter. Man hält mich fest. Ich reiße mich los. In der Frischeabteilung, zwischen Millionen von Joghurtbechern, stellen sie mich. Ich wehre mich. Da drehen sie mir einen Arm auf den Rücken und zwingen mich in eine gebückte Haltung, in der ich unter den Blicken der übrigen Kundschaft vor die Tür gebracht werde. Ich spüre die Energie langsam schwinden.

"Sie verlassen jetzt sofort das Gelände! Kapiert? Los, Mann, ab mit dir! Verschwinde!" Der eine verpasst mir noch einen Tritt in den Hintern; dafür gibt es einen kleinen Applaus von einem Penner, der röchelnd und hustend lacht.

Ich fühle mich unendlich müde. Nach oben zum Auto kann ich und will ich nicht mehr. Ich gehe. Auf dem Weg nach Hause klart es aus unerfindlichen Gründen auf. Als ich in meine Straße gelange, bricht sogar die Sonne durch.

Ich betrete meine Wohnung. Eine Maus verschwindet in der Fußbodenritze. Der Anrufbeantworter blinkt, ich drücke die Play-Taste. Es ist Kathrin:

"Ich bin fertig gepackt, und hab auch noch eingekauft für die Fahrt und Brötchen geschmiert! Für dich habe ich extra die kleinen Toblerone-Schokoladen besorgt! Ich freu mich schon so! Endlich Urlaub! Hat alles geklappt mit dem Öl und so? Tut mir Leid, dass ich dich kritisiert hab heute morgen. Ich weiß doch, dass du das Auto reparieren kannst. Also ich warte auf dich, komm möglichst bald! Tschühüs.."

Ich setze mich und entzünde ein Streichholz. Ich sehe es wie in Zeitlupe knisternd aufflammen, wie in Wild at Heart, als Nicolas Cage neben Laura Dern im Bett liegt und sich eine Zigarette anzündet, was ich jetzt auch mache. Dazu greife ich ein Bier aus dem Kühlschrank. Langsam steigt Hass in mir auf. Wie ein biblischer Sturm überwältigt mich der Hass auf Kathrin, auf mich, auf die elende Welt. Ein innerer Dialog entspinnt sich: Hey Sailor, du bist so gut, du bist wahnsinnig, du bist der Beste. - Ich weiß, Lula, aber das war einmal, ich muss dich nun enttäuschen, und ich muss uns töten. Vergib mir, Lula. - Sage nicht so etwas, Sailor, du machst mir angst.

Vertraue mir doch. - Es ist zu spät, Lula, es ist zu spät...

So gegen morgens höre ich, wie mein Name hinter mir ausgesprochen wird. Ich hebe mühevoll meinen alkoholtauben Kopf vom Tresen hoch und wische mir eine an der Schläfe backsende Kippe weg. Ich drehe mich, so gut es eben noch ohne wegzukippen geht, auf dem Hocker und blinzel in ihr Gesicht. Sie hat mich also in einer meiner Stammläden aufgespürt, schwappt es mir noch durchs Restbewusstsein.

An mehr kann ich mich nicht erinnern.

 

Matthias Eichhorn