Stories:


Die Rolltreppe

"Guten Morgen!"

Eine Unzahl an Menschen wird ausgespuckt. Schwangere, Großfamilien, Krawattenträger, schlechte Zähne, schlechter Atem, nabelfreie Plateauschuh-Schönheiten, Kleingärtner und überalterte Matronen, selbstmitleidige Behinderte, coole Jünglinge, Spielkinder, Schlabberfreaks und Businessmen werden fragend ausgekotzt in die Kaufhalle.

"Herr Schneider bitte 370, bitte drei sieben null."


Asthmatische Hunde keuchen an ihren zu kurzen Leinen, Gesichtskonturen verschwinden hinter fettigen Masken. Miniyuppies führen ihre Konfirmandenanzüge spazieren, schütteres Haar, der verbliebene Stolz quergekämmt, der Bauch spannt über die Jogginghose,

Sonnenbrände verraten Spaghettiträger.

"Mahlzeit!"

Blaumänner drömeln zur Brotzeit, Deutschland um 11 Uhr 30, aber kein Werbekeks in Sicht, dafür ein Wurstbrot und Kaffee schwarz, mit Zucker, Salatblattgarnierung seit 30 Jahren, die braune gebundene Soße wird schon warmgehalten, für das Kassler, mit gewässerten Kartoffeln, Petersilie, Leipziger ihr wißt schon. Rote Beete Dessert aus englischer Gelantine in weißer Soße, Vanillinaroma in Speisestärke. Sehr schön. Eine HB inhaliert, wußte gar nicht, daß es die noch gibt, Todesursache Nummer eins des Wirtschaftswunders, immer noch lebendig. Aber die Stechuhr drängt, die freiwilllig gedrückte.

"Eine Durchsage, der Schüler Erwin..."

Detektive schleichen auffällig unauffällig um die Ecken, verdächtige Kunden, besonders aber die Junkies, abgewrackte Typen mit Hunden und bunten Haaren, oder auch nur starre Blicke, kaputte Schuhe, verdreckte Hosen. Wer ist schon so dumm zu klauen, wenn man auch einfach tauschen kann?

Wellenförmig und dumpf zieht die Rolltreppe die Menschen hinab. Noch eine dreiviertel Stunde bis Buffalo, die Beine sind schwer; verlorene Zeit, eine Bushaltestelle. Doch die Bedienung ist beschissen, der Bus kommt nur einmal am Tag, zum Dienstschluß.

Einmal zum Scheißhaus, zu den Satelliten, zu den Büchern bitte... Können die nicht gucken? Wo zahlt man hier - na, raten Sie mal. Zur Auswahl stehen... Fernseher laufen, laufend DVD, "Forrest Gump" in der Endloschleife, zum Brechen, Amipathos.

Die Grabbelkiste lockt; Einzelstücke - Gammel mit Erklärungsnotstand. Wofür ist das, ist das? "Weiß nicht, am besten woanders fragen." Das stört hier doch, ist das nicht deutlich "`N Preis? Sagen wir fünf Mark oder 2 Mark fünfzig, ach was, einfach mitnehmen, weg ist weg." Basarstimmung kommt auf: "Ich kaufe drei, dann billiger...?" Lächerlich, bei dem billigen Teil.

Mein Gott ist F.G. jugendfrei, nichts zu sehen, nicht einmal eine entblößte Brust, dafür Bustiers aus der Biedermeierzeit, gestärkte Wäsche, Romantik am verträumten See, kein Klischee einer Amiheldensage ausgelassen.. Drei Bildschirme, 118 cm Bilddiagonale, drei à 90 cm, ein Minischirm, siebenmal romantische F.G.-Prüderie, zwölf Stunden am Tag.

Verlorene Jugend, verlorene Zeit. Eine Ode an sie alle, die beschäftigten Opfer der Dienstleistungsgesellschaft. Teilzeitidioten, angestellt nur zum Öffnen der Tür. Tüteneinpacker, die froh wären, wenn es denn einen Mindestlohn gäbe, so etwas wie die Fiktion einer Gerechtigkeit. Ein Stehplatz in der S-Bahn, ABM-Maßnahme der Disziplinierung. Schon wieder ein Arbeitsloser weniger, wenn auch nur solange die Staatskrücke reicht. Die eifrigen Abendblattleser wird es freuen, und die Sicherheitsfanatiker auch. Eine Chance für alle.

"Gibt´s die auch mit weißem Kabel?" Wahnsinn, ist das hier ein Bastelladen? Der Mehrfachstecker funktioniert nicht, klemmt... Wie? Was? Ein Ruck und das Ding sitzt. Sonst noch Probleme? Die Glühbirne kann nicht gewechselt werden. Ach ja, und die Erde ist eine Scheibe. Sehr schön, kommen Sie ruhig wieder, wir freuen uns über jeden KUNDEN. Und wie kommen Sie sonst so durchs Leben, mit zwei amputierten Händen? Ach ja, by the way, den Zahnarzt könnten Sie auch mal wechseln, aber vielleicht fangen Sie auch mit einer Zahnbürste an.

Und "Mahlzeit" dann noch...

 

Klaus Tietgen