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Taxifahrt

Halb zehn, morgens auf der Reeperbahn. Durchzechte Nacht. Ich denke: "Nach Hause, Bett, schlafen, vorher noch was trinken (Wasser; oder doch besser Saft, wegen der Energie)". Taxi! kommt mir ein guter Gedanke, Taxi nehmen und schnell heim. Im nächsten Moment sehe ich es. Meine Rettung erstrahlt goldgelb im Sonnenschein. Reinsetzen... Mit grober Motorik öffne ich die Tür, steige ein und denke über meinen Pegel nach. Nach großer Diskussion über den Standort meiner Wohnung startet der Taximann den Wagen.

"Rauchen können sie hier auch!", sagt er, da er wahrscheinlich die festumklammerte Zigarettenschachtel in meiner Hand sieht. Ich zünde mir eine an, obwohl mir der Sinn eher nach frischer Luft steht, der Taxista tut es mir nach und sofort entstehen schwere Rauchschwaden im Wagen. Ein Kater besucht mich und hämmert mit unverhohlener Gewalt gegen meine Stirn. Plötzliches Ertönen einer Stimme reißt mich aus meiner Lethargie:

"Was ist das eigentlich mit euch Frauen...?" Ich, kämpfend gegen meine Übelkeit, versuche, diesen dahingeschmetterten Worten einen Sinn zu geben und die Konsequenzen abzuschätzen, wenn ich auf diese Frage eingehe. "Weiß´ nicht, warum?", sage ich. Schlecht, ganz schlecht. Mein Verhängnis, völlig betrunken eine Konversation über grundsätzliche Konflikte und Probleme eines Taxifahrers mit Frauen zu starten.

"Frauen... oder Menschen wollen immer das, was sie nicht kriegen können. Das versteh mal einer!", sagt er. "Ja, ja" denke ich, "wie wahr, wie wahr, Menschen sind allesamt Masochisten. Eine Lebensweisheit, die mir dank des Taxifahrers so bewußt wie noch nie wird. Da meine Synapsen nur noch unkontrolliert Reize weitergeben, wird das Begreifen dieser Einsicht von zwei Sekunden auf drei Minuten verlängert.

Und nun läuft mein Gesprächspartner zur Höchstform auf. "Wissen sie, ich hab´ da eine Kollegin, Kiki, wir beide mögen uns, aber sie ist noch verheiratet. Und eine andere Kollegin, Ilona, die steht auf mich. Da müßte ich´s schon ganz schön nötig haben um mit der ins Bett zu gehen."

Okay, denke ich, das Thema Frauen und Beischlaf haben wir jetzt schon angeschnitten, ich sehe Phase drei (ausschweifende Sexpraktiken) drohend auf mich zukommen. Während er mir die Situation mit Kiki und Ilona sehr differenziert darlegt, falle ich von meiner Katerstimmung ins Delirium. Ich versinke im Sitz, werde immer kleiner, während Wortfetzen wie

``Eifersucht´´, ``Tankstelle´´ und ``Kiki´s Tochter´´ auf mich eindreschen. Wo ist mein Schneckenhaus?!? Der Gedanke, daß ich nicht in Bergstedt wohne, sondern nur fünf Minuten Luftlinie vom Kiez, heitert mich ungemein auf.

Dieses Erlebnis wird sich also höchstens auf zehn Minuten ausdehnen und so keine bleibenden Schäden bei mir verursachen.

Denke ich.

Irrtümlich.

Denn weil sich mein Chauffeur offensichtlich sehr über mein offenes Ohr freut, finden seine Ausführungen kein Ende. Und damit meine ich wirklich gar kein Ende. Ich bezahle (extra dickes Trinkgeld, damit er mich schnell gehen läßt) und warte seinen letzten Satz ab.

Und warte deshalb geschlagene fünfzehn Minuten.

Gut!

Mir wird es zu bunt!

Genug mit der Höflichkeit!

Jetzt wird härter durchgegriffen.

Ein Adrenalinstoß durchfährt mich, mir gelingt es, die Tür zu öffnen. Ich hänge schon mal ein Bein hinaus, gucke den Taxifahrer mit meinem mitleiderweckensten Gesichtsausdruck an. Er hört nicht auf! Wo ist der Knopf zum ausschalten? Warum hilft mir niemand? Warum holt mich mein Bett nicht ab?

Kurz greife ich den Gedanken auf, mich aus dem Auto plumpsen zu lassen, einen Ohnmachtsanfall zu simulieren, mich ins Krankenhaus fahren zu lassen und mich so diesem Desaster zu entziehen.

DOCH: Auf einmal, am Höhepunkt meiner Verzweiflung, verstummt er. Der Taxidriver ist mit seiner Geschichte am Ende angelangt. Ich mit meinen Nerven auch. Es ist still. Ich kann die Vögel zwitschern hören, das Rauschen der Bäume. Das Gefühl des plötzlich einsetzenden Friedens treibt mir Tränen in die Augen. Die lange Zeit des Wartens ist vorbei! Ohne ein Tschüß stolpere ich in die Freiheit und bringe mich in meine Wohnung.

Die vier Treppen habe ich noch nie so leicht genommen, wie an diesem Morgen. In meinem Bett denke ich über Kiki und Ilona nach.

Und komme zu der Einsicht, daß Taxifahren ein masochistischer Fetisch der Menschen ist.

 

Liefka Heideman